Das Jahr 2020 hätte das Superjahr für Brian McNeill werden sollen ... neue CD, neues Buch – nein, sogar zwei, oder vielleicht drei, kommt ganz auf die Zählweise ein. Dazu Reisen, Konzerte, Interviews! So war es geplant und so hätte es kommen sollen, und dieser Text hätte mit einem Bericht über ein Konzert von Brian anfangen sollen, aber dann kam Corona. Darüber, daß das alles frustrierend ist, brauchen wir nicht lange zu reden. Reden wir lieber über das Buch «The Horseman’s word» - der englische Titel wurde auch für die deutsche Übersetzung beibehalten, damit die englische und die deutsche Fassung eben gleich heißen. Es sind Geschichten, manche lang, einige noch länger, alle spielen Brians Heimatstadt Falkirk oder dort in der Nähe, und die Handlung umspannt ungefähr ein Jahrhundert. Aber wie ist er auf die Idee gekommen? «Die erste Geschichte, Das Wort des Pflügers, habe ich um 1980 angefangen, noch ehe ich überhaupt ein Buch veröffentlicht hatte. Sie lag lange halbvollendet bei mir herum, aber dann habe ich sie 2000 noch mal hervorgekramt und stellte fest, sie hatte was. Alles andere habe ich in Wartezeiten in Flughäfen und hinten im Tourbus gequetscht. Das Kurzgeschichtenformat gefällt mir, weil es so anders ist als die Krimis,die ich sonst schreibe – wobei ich bei der letzten Geschichte versucht habe, beide Genres miteinander zu verbinden.» Wird er denn noch weitere Geschichten in diesem Stil schreiben und uns Falkirk im Laufe der Jahre näherbringen? Brian grinst und spricht: «Ja. Aber mehr verrate ich nicht, außer, daß Falkirk nicht der einzige Schauplatz sein wird.»

Beim Lesen fällt auf, daß die Geschichten wie Balladen strukturiert sind, die Titelgeschichte ist dafür ein perfektes Beispiel. Ist das bewußt so passiert und hat er vor, aus den Geschichten dann auch Lieder zu machen (wäre doch eine grandiose Themen-CD ...). Aber nein, leider nicht. Denn: «Ich finde es sehr schwer, Geschichten und Liedtexte auf derselben Grundlage aufzubauen. Die Geschichtn werden aber bereits zu beschreibenen Instrumentalstücken und ich arbeite jetzt an einer CD, auf der ich einige Geschichten vorlese und diese Instrumentalmusik den Hintergrund bildet.» Auf die CD warten wir jetzt also gespannt. Die CD «No silence» (Rezension im FM 350) ist in diesem Jahr erschienen, aber da Brian immer vor Plänen überzulaufen scheint – was kommt als nächstes?

«Die CD mit den Geschichten, klar, und dann mein neuer Thriller, «The 90th Kill». Und außerdem arbeite ich am zweiten Band meiner Sammy Knox-Serie.» (Auf Englisch wird der heißen «In a China shop», der erste Band ist auf Deutsch unter dem Titel «Schlange am Busen» erhältlich). Natürlich wollen wir jetzt mehr über «The 90th Kill» hören. Dazu sagt der stolze Dichter: «Das Buch ist ein Thriller über die USA, ein Land, in dem ich seit vier Jahrzehnten arbeite, und wo ich viele Freunde habe, ein Land, dem ich tiefe Zuneigung entgegenbringe. Es geht um Amerikas Quellen der Kraft und seine scheinbar unversöhnlichen Gegensätze. Es geht um Familie und  Religion, Politik und Gerechtigekti, und wie das alles schiefgehen kann – oder auch nicht. Es geht um den Zynismus und die Rücksichtslosigkeit der herrschenden Eliten des Landes, darum, wie weit sie zu Manipulationen bereit sind, vor allem, wenn sie ihre Motive für rein und ihre Anliegen für berechtigt halten. Und vor allem geht es um den unbeirrbaren Mut einzelner Menschen und ihre Widerstandsfähigkeit, ihre Bereitschaft, für ihre Menschlichkeit zu kämpfen, während die Maschine erbarmungslos versucht, sie zu zermahlen.»

Und jetzt die eine Frage, um die kein Weg herumführt: Wie hast du bisher Corona überlebt, und was hast du für Pläne für den Rest dieses Jahres und für 2021? «Wie alle anderen aktiven Musiker vergrabe ich mich in der anderen Hälfte unserer Arbeit – Lieder aufnehmen, schreiben, und die ganzen glanzlosen Hilfsarbeiten, die nötig sind, um eine selbständige Karriere in Gang zu halten. Dass ich keine Bühne habe ist schmerzhaft, ganz ehrlich.» Besteht denn die Chance, daß er bald mal wieder nach Deutschland kommt? Die Chronistin erinnert sich, daß Brians letzter Auftritt in Richard Bargels Theater in Köln war, aber wann war das? «Wenn ich mich richtig erinnere, war ich im August 2018 bei Richard. Ansonsten trete ich ungeheuer gern in Deutschland auf, aber jetzt müssen wir erstmal sehen, was das Virus macht. Bisher gibt es ja leider keine Anzeichen dafür, daß es sich bald geschlagen geben wird.»

Eine Frage muß noch gestellt werden, um Brians missionarische Instinkte zu befriedigen: Welche neuen Musiker*nnen aus Schottland sollten wir hören? «Hört euch die jungen Leute von Feir Rois an, der Lehrbewegung. Sie gehören zum großartigen neuen Fundament der schottischen Musik. Und Rura – einfach umwerfend!»

Auf Brians Website können wir das erste Kapitel von «The 90th Kill» von ihm gelesen hören. Dort kann auch – und sollte unbedingt!!!! – sein Newsletter bestellt werden: http://www.brianmcneill.co.uk/

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